Dient die Begabtenförderung auch der Wirtschaft?
Die wirtschaftliche Lage der Schweiz hat sich im vergangenen Jahr deutlich verbessert und aus den Medien kann man entnehmen, dass immer mehr Unternehmen zuversichtlich in die nähere Zukunft blicken. Dies soll aber nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die Schweiz seit längerer Zeit unter einer Wachstumsschwäche leidet. Nebst fehlendem Wettbewerb im Lande selber wird der Schweizer Wirtschaft insbesondere vorgeworfen, sie sei wenig effizient und benötige zu lange, um bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse in wirtschaftlich verwertbare Innovationen umzusetzen. Um neue Wachstumsimpulse auszulösen, braucht es eine generelle Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit durch Stärkung von Forschung, Entwicklung und Innovation und eine breite Basis an qualifizierten Nachwuchskräften. Unser Bildungs- und Ausbildungswesen liefert dafür eine gute und allseits anerkannte Grundlage. Auf mehreren Gebieten zählen Schweizer Bildungsinstitutionen sogar zu den besten der Welt.
Die entscheidenden Innovationen entstehen aber nicht auf der grünen Wiese und können nicht verordnet werden. Um ein produktives Innovationsklima und ein adäquates, vielfältiges gesellschaftliches Umfeld zu schaffen, braucht es die enge Verbindung und gegenseitige Befruchtung von Universität, Fachhochschule und Wirtschaft, aber auch von Kultur, Sport und Gesellschaft. Das hat Fritz Gerber als visionärer Wirtschaftsführer frühzeitig erkannt. Während seiner langjährigen Tätigkeit an der Spitze renommierter Unternehmen im In- und Ausland hat er nicht nur die Wissenschaften gefördert, sondern auch die Kultur und andere wichtige gesellschaftliche Belange. Denselben Gedanken legte er auch bei der Gründung seiner Stiftung zur Förderung begabter junger Menschen zugrunde. Es sollen ganz bewusst Begabungen in Bereichen gefördert werden, die nicht oder nur ungenügend durch das staatliche Stipendienwesen abgedeckt sind und nicht im Zentrum des allgemeinen Interesses stehen. Gute Beispiele sind u. a. die Unterstützung für die Ausbildung an der Hochschule für Gestaltung und Kunst, für Ballettausbildungen, Mediendesign, Artistenausbildungen oder Ausbildungen zum Musiklehrer.
Eine gute Ausbildung allein genügt aber immer weniger, sowohl in der Wirtschaft als auch in Kultur und Sport. Gefragt sind Menschen, welche zusätzlich zur Ausbildung ihre besonderen Begabungen mit dem Willen paaren, Aussergewöhnliches zu leisten; junge Menschen also, die bereit sind, auf vieles zu verzichten, um ihre hoch gesteckten Ziele zu erreichen. Es ist für mich ausserordentlich bereichernd, aus den vielen Dankschreiben zu spüren, wie durch die Fritz-Gerber-Stiftung solchen jungen Menschen geholfen werden kann, wie motiviert sie sind und mit welchem Durchhaltewillen sie die Schwierigkeiten auf ihrem Weg überwinden. Als Beispiel mag hier die Förderung von begabten Sportlern dienen, wobei speziell auch Randsportarten berücksichtigt werden. Die Dankesbriefe und Erfahrungsberichte zeigen, dass diejenigen Charaktereigenschaften, die sportliche Höchstleistungen möglich machen, den jungen Menschen später helfen, auch im Berufsleben Spitzenleistungen zu erzielen. Zielorientierung, Durchhaltewillen und hohe Motivierbarkeit sind Charaktereigenschaften, welche auch die Wirtschaft braucht, um effizienter und rascher zu werden in der Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis.
Die Begabtenförderung kennt wenig Grenzen. In der Arbeit als Stiftungsrat ist immer wieder faszinierend, wie viele glänzend qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber Kinder von Eltern sind, die erst vor einigen Jahren in die Schweiz gezogen sind. Es wird einem dabei bewusst, wie wichtig es ist, diesen Kindern und Jugendlichen mit der nötigen Unvoreingenommenheit und Offenheit zu begegnen. Sie erneuern und beleben Kunst, Sport und Wirtschaft in der Schweiz mit ihrem Können und Wissen und tragen zur kulturellen Vielfalt unseres Landes bei. Aus Sicht der Wirtschaft, welche sich nicht erst seit heute in einer globalisierten Welt zurechtfinden muss, ist dies nur zu begrüssen.
Der Stiftungsrat wird von der Geschäftsstelle bei der Abklärung der sozialen und fachlichen Aspekte der Gesuche umsichtig und hoch professionell unterstützt. Dies erlaubt es, echt individuelle Lösungen zu finden (wie z. B. kürzlich für den Kauf einer Lirone, eines Musikinstrumentes aus der Familie der Gamben). Besonders beeindruckend ist die Arbeit der Geschäftsstelle im Bereich der jungen Hochbegabten. Solche Kinder leiden nicht selten unter Bedingungen, die ihre Kreativität behindern und sie oft sozial isolieren. Mit massgeschneiderten Lösungen hilft die Fritz-Gerber-Stiftung, dass diese wertvollen Menschen ihr Potential entfalten können.
Mit rund 100 bewilligten Gesuchen pro Jahr kann die Stiftung vielen begabten jungen Menschen helfen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und zum Tragen zu bringen. Dies ist in der Schweiz zwar nur ein kleiner Beitrag im Vergleich zu dem, was an Bedarf besteht. Die Stiftung stärkt aber mit ihrer gezielten Förderung der Begabten die Gruppe junger Menschen, die tragend ist für eine vielseitige, lebendige, innovative und wirtschaftlich erfolgreiche Schweiz.
Dr. Markus Altwegg
VR-Präsident Siegfried Holding AG
Überblick über das Geschäftsjahr 2005
Leistungsbericht 2005
Auszüge aus Dankschreiben
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