In Begabung investieren!
In den letzten Monaten wurde in der Schweiz engagiert darüber diskutiert, ob unser Land genügend Geld in die Bildung investiere. Die Debatte, sowohl auf nationaler Ebene als auch in den einzelnen Kantonen geführt, lässt hoffen. Hoffen darauf, dass wir gerade noch rechtzeitig einsehen, welche Risiken wir eingehen, wenn wir im Rahmen nicht endend wollender Sparpakete der öffentlichen Hand auf allen Ebenen immer stärker auch den Bildungsbereich unter Druck setzen. Ja, es ist richtig: Bildung, Forschung und Innovation kosten Geld, viel Geld sogar. Und es mag so sein, dass auch in diesen Bereichen Doppelspurigkeiten bestehen und unnötiger administrativer Aufwand betrieben wird. Hier kann, ja soll man durchaus die Sparschraube ansetzen. Aber überall dort, wo Sparen in der Bildung zu einem Qualitätsverlust in der Aus- und Weiterbildung unserer Kinder und Jugendlichen, aber auch der fortbildungsbereiten Erwachsenen führt, ist grösste Vorsicht am Platz. Gewachsene Strukturen im Rahmen von Sparübungen zu zerstören, ist einfach. Neues wieder aufzubauen, braucht wesentlich mehr Zeit und Kraft.
Vor diesem Hintergrund ist es ausserordentlich zu begrüssen, dass als Ergebnis der erwähnten politischen Diskussion der letzten Zeit klar geworden ist, dass wir hierzulande nicht weniger, sondern deutlich mehr Geld in Bildung, Forschung und Innovation investieren müssen. Tun wir dies nicht oder nur ungenügend, werden wir auf diesem für die Zukunft der Schweiz so zentralen Gebiet im internationalen Konkurrenzkampf rasch den Anschluss verlieren. Und das kann sich ein Land, dessen wichtigster Rohstoff die gute Aus- und Weiterbildung gerade auch der jüngeren Menschen ist, schlicht nicht leisten. Es ist deshalb zu hoffen, dass die Budgeterhöhung im Bereich der Bildung, wie sie die Eidgenössischen Räte im Dezember beschlossen haben, nicht nur Ausdruck politischer Nervosität ist, sondern einen anhaltenden Wandel in der grundsätzlichen Haltung zu diesem Thema bedeutet. In Bildung und Forschung zu investieren heisst natürlich nicht, nur gerade in einem Wahljahr – und mit Blick auf die öffentliche Meinung – etwas mehr Geld für einige wenige Projekte auszugeben. Um zielgerichtet zu investieren braucht man langfristige Prioritäten und Durchhaltewillen über Jahre. Es wird sich wohl erst nach den Wahlen im Herbst 2007 zeigen, ob – gerade auch auf eidgenössischer Ebene – die Bekenntnisse zu mehr Bildung, Forschung und Innovation in der Schweiz leere Versprechungen bleiben oder ob den politischen Sonntagsreden wirklich Taten folgen.
Prioritäten setzen
In unseren Schulen, aber auch in der Berufsausbildung der Jugendlichen wird mit grossem Aufwand viel unternommen, um leistungsschwächere Kinder und Jugendliche zu unterstützen und sie so ihre Ausbildungsziele erreichen zu lassen. Persönlich scheinen mir diese Anstrengungen richtig und wichtig. Es muss uns gelingen, möglichst viele junge Menschen mit guter Bildung in die Arbeitswelt und damit in die Gesellschaft zu integrieren – und das dies bei leistungsschwächeren jungen Menschen nur mit zusätzlicher Förderung möglich ist, leuchtet ein. In diesem Sinn ist es zu begrüssen, dass die öffentliche Hand viel Geld für diese Art von Aus- und Weiterbildung zur Verfügung stellt.
Wenn wir aber die Prioritäten richtig setzen wollen, dann darf die Förderung der Schwächeren nicht zu Lasten der Begabten und der Hochbegabten gehen. Wir brauchen eben beides: ein breites, sorgfältiges Bildungsangebot für alle, aber auch die gezielte Förderung jener Kinder und Jugendlichen, die über eine besondere Begabung verfügen. Bei den begabten jungen Menschen handelt es sich um jene, die später einmal die Leistungsträger in unserer Wirtschaft und in unserer Gesellschaft sein sollen. Die offensichtliche Vernachlässigung der Begabtenförderung, wie sie heute in vielen Gemeinden und Kantonen in der Schweiz festgestellt werden muss, ist darum nicht nur ungerecht, sie ist geradezu unverständlich. Wir beeinträchtigen damit nicht nur die Zukunft der betroffenen jungen Menschen, wir vergeben als Gesellschaft, als Land Chancen, die wir meines Erachtens unbedingt wahrnehmen müssen.
Um wie wenig Geld es im Einzelfall bei der gezielten Begabtenförderung gehen kann, erleben wir in der Fritz-Gerber-Stiftung immer wieder. Wenn wir im Stiftungsrat die von der Geschäftsstelle sorgfältig abgeklärten und vorbereiteten einzelnen Gesuche behandeln, dann fällt auf, dass mit relativ geringen Mitteln den einzelnen Begabten viel ermöglicht werden kann. Manchmal berührt es mich direkt peinlich, dass die Gesuchsteller für einen bescheidenen Betrag, der ihnen die Erreichung eines Ausbildungsziels ermöglicht, ein umfassendes Gesuch stellen und später dann auch detailliert über die Verwendung des Geldes berichten müssen. Aber mir ist natürlich klar, dass unsere Stiftung – und die übrigen privaten Institutionen, die sich im Bereich der Begabtenförderung engagieren – über beschränkte Budgets verfügen und darum mit ihren Mitteln mindestens so haushälterisch umgehen müssen wie dies der Staat tut.
Und: Gerade in der Begabtenförderung gilt, dass jene, die auf den grossen Wurf, die einzig richtige Lösung für alle Probleme warten, ewig warten werden. Es mag wie ein Tropfen auf den heissen Stein aussehen, wenn unsere Stiftung jährlich – nur, bin ich geneigt zu sagen – rund hundert junge Menschen unterstützen kann. Aber diese heissen Tropfen, um beim Bild zu bleiben, sind dringend nötig, wenn wir ernsthaft daran gehen wollen, den Begabten und Hochbegabten in unserem Land gezielter helfen zu wollen, ihnen mehr Chancen zu geben, als dies heute noch der Fall ist.
Die begabten jungen Menschen können nicht darauf warten, bis der Staat bzw. die Bildungspolitiker ernst machen und endlich eine überzeugende Begabtenförderung in den öffentlichen Schulen aller Stufen einführen. Sie brauchen jetzt unsere Hilfe. Und darum wird die Unterstützung, welche die Fritz-Gerber-Stiftung leistet, auch in den kommenden Jahren von grosser Bedeutung sein. Dass private Initiative gerade auf diesem Gebiet wenigstens teilweise ausgleicht, was die öffentliche Hand nicht zu leisten vermag, ist tröstlich und richtig. Und dennoch werden wir unsere Ziele bei der Begabtenförderung erst dann nachhaltig erreichen, wenn private Institutionen und die öffentliche Hand sich gleichermassen engagieren und zusammenarbeiten.
René Braginsky
VR-Präsident InCentive-Gruppe
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