Johannes Kunz - Randsportart Kanu
Der Fahrtwind zieht an mir vorbei, Wasser wird durch meine Paddelschläge durch die Luft geschleudert und ich habe das Gefühl auf dem Wasser zu gleiten oder knapp in der Luft zu schweben. Ich fahre Kanu. Ein Sport, der Action, Technik, Dynamik, Ausdauer und pure Kraft in sich vereint.
Überquere ich die Ziellinie, erschöpft und übersäuert aber stets im Bewusstsein, alles gegeben zu haben, so verleiht mir dies auch heute noch ein Gefühl von Zufriedenheit, Glück, Genugtuung und Stolz, das mit nichts Anderem zu vergleichen ist!
Wie ich zum Kanusport kam
In Rapperswil am Zürichsee aufgewachsen, beobachtete ich schon als Kind die Trainingsgruppen des Kanuclubs Rapperswil-Jona bei ihren täglichen Trainingseinheiten auf dem Zürichsee. Schon bald besuchte ich einen Schnupperkurs und war sofort vom Sport, dem familiären Clubleben und den athletischen Bodys der Topfahrer fasziniert.
Auch wenn in der Schweiz der Kanusport am Rande aller Randsportarten anzugliedern ist und wenige Athleten diesen Sport ausüben, so habe ich trotzdem viele Freunde und Vorbilder kennen gelernt, die diesen Sport mit viel Enthusiasmus, Idealismus und Freude ausüben.
Der Schritt zum Spitzensportler
Um in diesem Kraftausdauersport aber wirklich «vorne» mitfahren zu können, muss sehr oft und intensiv trainiert werden. Noch während meiner Sekundarschulzeit trainierte ich jeden Tag, und musste für Wettkämpfe und Trainingslager vom Schulunterricht dispensiert werden.
Im internationalen Vergleich war mein Trainingsaufwand jedoch eher gering. Viele meiner Konkurrenten lebten und trainierten in Kanuleistungszentren, besuchten Sportgymnasien, oder waren bereits Vollprofis. Dennoch ist es mir gelungen an grösseren internationalen Regatten, an Jugendspielen, Junioren Europa- und Weltmeisterschaften gute Resultate und Podestplätze zu erpaddeln. Mein Ziel war es immer, stets noch schneller und noch besser zu werden.
Spitzensport und Ausbildung
Am liebsten hätte ich all meine Zeit ins Training gesteckt. Meine berufliche Zukunft durfte aber keineswegs vernachlässigt werden. Deshalb versuchte ich während meiner Ausbildung zum Primarlehrer in Rickenbach SZ den Kanusport so professionell wie möglich auszuüben. Vorerst musste ich mir jedoch das passende Umfeld dazu erarbeiten. Da der Schweizerische Kanuverband nicht eigens Personen für Karrierenplanung, Betreuung der Athleten oder eine Anlaufstelle für Sport und Beruf engagieren kann, war ich grösstenteils auf mich alleine gestellt. Durch Gespräche und Korrespondenz mit meinen Lehrern, meinen Rektoren, den Schulbehörden und den Erziehungsräten erschuf ich mir meine persönlichen, optimalen Rahmenbedingungen.
In der Schule bekam ich einen Raum zur Verfügung gestellt, in dem ich meinen Kanuergometer stehen hatte und in Zwischenstunden oder während der Mittagszeit kurze Trainingseinheiten absolvieren konnte.
Schule und Sport – zwei Fulltimejobs
Das Erarbeiten des optimalen Umfeldes war allerdings erst ein kleiner Teil, der zu meinen Erfolgen beigetragen hatte. Hauptbestandteile sind natürlich die Trainings-, die Regenerations- und Erholungsphasen. Das alles mit den Schulstunden, den Hausaufgaben, den vielen Praktika unter einen Hut zu bringen, erforderte ein ausserordentlich effizientes Zeitmanagement. Nicht immer war es ganz leicht mit der grossen Doppelbelastung umzugehen.
Finanzierung meiner Karriere
Spitzensportler in einer extremen Randsportart zu sein ist hart. Die Anforderungen für gute Platzierungen sind wie in jeder anderen Sportart sehr hoch. Der Weg an die Spitze aber noch steiniger. Es stehen keine Masseure, Betreuer, Presseverantwortliche und Physiotherapeuten zur Verfügung. Sämtliches Trainings- und Wettkampfmaterial muss selber angeschafft, Reisen und Unterkünfte für Trainingslager teilweise selber organisiert und finanziert werden.
Zwangsläufig gab es bei den hohen Ausgaben nebst den vielen Muskelverspannungen und den Blasen an den Händen auch finanzielle Probleme. Zeit für einen Ferienjob oder eine kleine Abendbeschäftigung hatte ich keine. Ebenfalls unmöglich war es mir, mich neben der Schule und dem Training mich selber professionell zu vermarkten und auf Sponsorensuche zu gehen. Bei der jetzigen Wirtschaftslage, der sehr geringen Medienpräsenz und dem kleinen Bekanntheitsgrad meiner Sportart ist es zudem fast unmöglich, finanzkräftige Sponsoren zu gewinnen.
Der verhältnismässig kleine Betrag, den ich von der Schweizerischen Sporthilfe bekam, reichte gerade mal aus um eine Woche Trainingslager zu finanzieren. Die restlichen Ausgaben konnte ich dank grosszügiger Unterstützung der Fritz-Gerber-Stiftung, meiner Eltern, einigen Verwandten und Bekannten grösstenteils decken.
Meine Einstellung, mein Wille, mein Trainingsumfang und meine Saisonplanung gleichen derjenigen eines Profis. Das mir gebotene Umfeld, die Strukturen, Finanzierung und Entlöhnung sind jedoch in keiner Weise mit den Verhältnissen eines Profis einer «grossen» Sportart zu vergleichen.
Spitzensport in der Schweiz
Mir scheint, der Sport hat in der Schweiz allgemein einen
relativ geringen Stellenwert. Dies obwohl Erfolge von Schweizer
Sportlern im Ausland doch nur beste Promotion fürs eigene
Land sein können.
Höchste Priorität in der Schweiz wird der Ausbildung
und der Arbeit eingeräumt. Spitzensport wird daher in
Betrieben und Schulen nicht nur gerne gesehen. Auch in der
Bevölkerung stösst man nicht immer auf Verständnis.
Das mögen nur einige Gründe sein, weshalb sich viele
talentierte Sportler, noch bevor sie ihren Zenit erreicht
haben, aus dem Spitzensport zurückziehen und sich vollumfänglich
auf ihren Beruf oder ihre Ausbildung konzentrieren.
Es sind Bemühungen im Gange, Pilotprojekte und innovative Konzepte zur Förderung des Spitzensportes in der Schweiz zu fördern. Mit der Eröffnung einzelner Sportgymnasien und der Einführung der Sportlerlehre wurden erste Schritte in die richtige Richtung unternommen.
Johannes Kunz
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