Begabtenförderung - eine Notwendigkeit
Von Zeit zu Zeit werde ich, meist im Kreis von Kolleginnen und Kollegen, die in ihren Unternehmen Verantwortung tragen, auf mein Mitwirken in der Fritz-Gerber-Stiftung für begabte junge Menschen angesprochen. Vermutet wird dabei nicht selten, meine Mitgliedschaft im Stiftungsrat sei halt doch in erster Linie eine Pflichtübung, weil es sich ja hierzulande so gehört, dass Wirtschaftsführer auch in sozialen oder kulturellen Gremien Einsitz nehmen. Und hie und da folgt dann auch noch die mehr oder weniger höflich formulierte Nachfrage, ob es mir denn zeitlich überhaupt möglich sei, je an einer Stiftungsratssitzung teilzunehmen ...
Meine Antwort auf solche Fragen fällt – nachdem ich nun seit zwei Jahren dem Leitungsgremium dieser Stiftung angehöre – sehr klar aus: Nein, für mich ist diese Mitgliedschaft keine Pflichtübung. Meine langjährige Tätigkeit in verschiedenen Unternehmen, aber auch in der Nationalbank und natürlich als Hochschullehrer hat mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass Begabtenförderung – gerade in der Schweiz – nicht Wunschbedarf, sondern eine absolute Notwendigkeit ist. Der Stiftungsrat in der Fritz-Gerber-Stiftung ist tatsächlich recht prominent zusammengesetzt. Aber alle Mitglieder bemühen sich, die Prioritäten so zu setzen, dass sie, nach intensivem Studium der doch recht umfangreichen Unterlagen, auch wirklich an allen Sitzungen des Gremiums teilnehmen können. Und so tagt unser Stiftungsrat dreimal pro Jahr praktisch ohne Ausnahme in vollständiger Besetzung. Dabei diskutieren wir nicht nur über die von der Geschäftsstelle sorgfältig abgeklärten Gesuche, sondern auch immer wieder über Grundsatzfragen. Warum, so fragen wir uns, vernachlässigen viele Gemeinden und Kantone auf fahrlässige Weise die Unterstützung besonders begabter junger Menschen? Warum sind die Budgets der öffentlichen Hand in diesem Bereich in den letzten Jahren nicht nur nicht erhöht, sondern zum Teil einschneidend gekürzt worden? Und warum werden Eltern, welche sich mit bewundernswertem Einsatz für die Förderung ihrer Kinder und Jugendlicher einsetzen, derart viele Steine in den Weg gelegt? Und was passiert mit der zunehmenden Zahl von Jugendlichen, deren Eltern sich nicht um die Förderung von Begabungen kümmern? Schliesslich: Ist es privaten Institutionen wie unserer Stiftung auf Dauer überhaupt möglich, diese grosse Lücke, die durch das Abseitsstehen der Gemeinden und Kantone entstanden ist, zu stopfen?
Es geht ja bei der Begabtenförderung nicht nur darum, einzelnen jungen Menschen dabei zu helfen, Chancen wahrzunehmen und ihren Weg zu machen. Ebenso zentral scheint mir zu sein, dass unser Land, unsere Gesellschaft schlicht darauf angewiesen sind, Begabungen zu fördern und uns so in einem immer globaleren Umfeld konkurrenzfähig zu erhalten. Die Aussage, die Schweiz verfüge nur über einen Rohstoff, die Bildung, mag abgedroschen klingen. Wahr ist sie nach wie vor, ja eigentlich mehr denn je. Ob in Wirtschaft, Kultur oder Sport: Überall erleben wir, dass sich nur jene behaupten, die rechtzeitig und mit langem Atem in Begabungen investieren. Der beeindruckende Erfolg, den auf wirtschaftlichem Gebiet viele asiatische Länder vorweisen können, ist ohne Zweifel darauf zurückzuführen, dass sie über eine schier unendlich grosse Zahl von bestens ausgebildeten Fachleuten verfügen. Jeder und jede einzelne von ihnen ist bemüht, mit vorbildlichem Leistungswillen das Beste aus Begabung und Bildung herauszuholen. Zu erwähnen sind aber auch die zahlreichen besonders begabten jungen Musikerinnen und Musiker aus Osteuropa, welche in ihren Heimatländern gezielt gefördert worden sind und nun im Westen Karriere machen. Oder Sportlerinnen und Sportler aus Afrika. In ihren Heimatländern ist man sich bewusst, dass nur jene, die ihre Begabung konsequent ins Zentrum ihres Handelns stellen, trotz schlechter Startchancen eine Chance auf Erfolg haben.
Hierzulande ist dies, so empfinde ich es wenigstens, alles etwas anders. Wir vertrauen darauf, dass unser insgesamt sicher nach wie vor solides Schul- und Ausbildungssystem dafür sorgt, dass unsere jungen Menschen auch in einem globalen Umfeld bestehen können. Und wir neigen dazu, Mittelmass noch immer als solide Grundlage für das ganze Leben einzustufen. Dabei übersehen wir, dass jene, die in ihren Bemühungen um Bildung und Begabtenförderung stehen bleiben, rasch zurückfallen und überholt werden. Können wir uns das heute noch leisten?
Dass hier die Fritz-Gerber-Stiftung und verschiedene weitere private Institutionen Gegensteuer geben, freut mich ausserordentlich. Oft geht es im Einzelfall ja um relativ wenig Geld, das darüber entscheidet, ob es möglich ist, eine Begabung gezielt zu fördern. Nicht selten handelt es sich dabei – wenig erstaunlich – um die Frage, ob kürzere oder längere Auslandaufenthalte, die für die künftige Karriere entscheidende Impulse geben, ermöglicht werden können. Und junge Menschen, die sich dann mit Unterstützung unserer Stiftung ausserhalb unserer doch recht engen Landesgrenzen mit anderen ihres Jahrgangs messen können, stellen rasch einmal fest, dass sie sich mit ihrer Begabung nicht verstecken müssen, im Gegenteil! Viele positive Rückmeldungen erreichen so unsere Geschäftsstelle, aber auch die Mitglieder des Stiftungsrates. Ich gebe gerne zu, dass solche Erfolgsnachrichten für uns alle eine besondere Motivation sind, das Mitwirken in der Stiftung ernst zu nehmen.
Fritz und Renate Gerber haben ihre Stiftung im Wissen um die geschilderten Probleme unseres Bildungswesens gegründet, nicht zuletzt aber auch aus Dankbarkeit. Dankbarkeit für ein beruflich und privat erfülltes Leben. Mich beeindruckt diese Motivation. Es war und ist eine Tugend, das Erreichte nicht nur geniessen zu wollen, sondern, soweit dies eben möglich ist, auch etwas zurückzugeben – der Gesellschaft und in diesem Fall ganz besonders begabten jungen Menschen. Und so darf diese Stiftung durchaus auch Beispielcharakter haben. Gerade in einer Zeit, da den obersten Managern unserer Unternehmen eine gewisse Abgehobenheit und Realitätsferne unterstellt wird, können solche Initiativen aus Wirtschaftskreisen auch tragfähige Brücken zu unserer Zivilgesellschaft schlagen. Sich gemeinsam für junge Menschen einzusetzen, die dank ihrer Begabung und mit unserer Unterstützung die Welt – oder doch zumindest die Schweiz – erobern können, ist schlicht eine Verpflichtung – und eben gerade keine Pflichtübung.
Prof. Dr. Bruno Gehrig
Verwaltungsratspräsident der Swiss Life
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